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Eutiner Hospizgespräche:
11. November 2021 in der Kreisbibliothek Eutin
Dr. Christiane Ihlow, Chefärztin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an den Segeberger Kliniken:
Broken Heart Syndrom – wenn Trauer krank macht

Dr. Christiane Ihlow arbeitet in den Segeberger Kliniken als Chefärztin in den Bereichen Psychiatrie und Psychotherapie sowie Sozialmedizin und Suchtmedizin und als Medizinische Sachverständige.
Die Segeberger Kliniken sind ein Campus mit über 1000 Betten und das größte außeruniversitäre Herzzentrum im Norden. Sie verfügen unter anderem über ein großes Neurozentrum mit 400 Betten und eine Psychosomatische Klinik (220 Betten) mit Akutbehandlung und Reha.

Zum Thema stellt sie einführend dar, dass das Herz in vielen Kulturen als Sitz der Seele und als Empfindungsorgan angesehen wird. Das Broken Heart Syndrom wurde 1991 erstmals als akute Stresshormon-Welle beschrieben.

Fast allen Patienten ist gemeinsam, dass die Symptome kurz nach einem emotional belastenden Ereignis, also auch nach dem Tod einer nahestehenden Person einsetzen. Atemnot, Brustenge und Schmerzen im Oberkörper treten auf. Entgegen auch heute noch verbreitet geäußerten Vermutungen ist diese Tako-Tsubo-Stress-Kardiomyopathie nicht ungefährlich. Besonders in den ersten Stunden ist die Gefahr von ernsthaften Komplikationen hoch. Die Wahrscheinlichkeit liegt zwischen 18,9 und 46 %. Mit fast 90% ist es fast eine reine Frauenkrankheit. Anders als beim Herzinfarkt gibt es allerdings keine bleibenden Schädigungen im Herzmuskel.

Ausgelöst wird dieser Prozess im Gehirn durch die Amygdala, en paariges Organ, das wegen seiner Form auch als Mandelkern bekannt ist. Die Amygdala ist unsere Bewertungszentrale. Bei einer Tako-Tsubo-Stress-Kardiomyopathie bewirkt die Amygdala, dass sich die logische Denkweise den Emotionen unterordnet.

Daniel Goleman: „Intensive negative Emotionen verlangen die vollkommene Aufmerksamkeit des Individuums und machen jeglichen Versuch unmöglich, sich auf etwas anderes zu konzentrieren."

Aber auch wenn wir im heutigen Alltag enormem Stress ausgesetzt sind, selbst wenn dieser nicht unser Überleben bedroht, wie z.B. ein Stau, dann übernimmt unsere Amygdala die Kontrolle über uns. Das führt dazu, dass sich in unserem gesamten Körper Adrenalin und Cortisol verbreitet, was unseren Körper über geschätzte vier Stunden in Aufregung versetzt und unsere Gefühle kontrolliert.

Wenn demnach durch einen großen Stressfaktor ein intensives Gefühl entsteht, fühlen wir für gewöhnlich eine Zeit lang etwas, das man in der Psychologie als „emotionalen Kater" beschreibt. Dieser Kater wird durch Hormone hervorgerufen, die sich noch immer in unserem Organismus befinden und zur Folge haben, dass ein Gefühl von Unbehagen viel länger andauert.

Wie oben erwähnt spielt der emotionale Stress bei Frauen eine größere Rolle als bei Männern. Insgesamt nutzen Frauen in erheblich größerem Umfang gesundheitsfördernde Maßnahme (77:23) und Früherkennungs- Untersuchungen als Männer.

Im zweiten Teil der Ausführungen geht Dr. Ihlow auf die gesundheitlichen Folgen ein, die Trauer für einzelne Menschen hat. Sie bezieht sich hierbei auch auf das Buch Einsamkeit – Die unerkannte Krankheit von Manfred Spitzer.

Das gleiche Stück Gehirn ist für die Wahrnehmung der Schmerzstärke zuständig wie für die Wahrnehmung der Einsamkeit. So führt das Betrachten eines Fotos des Partners zu einer verminderten Schmerzwahrnehmung.

Andererseits ist durch den Verlust eines Menschen Einsamkeit plötzlich da (Akutreaktion). Es läuft dann ein akutes Stressprogramm ab. Einsamkeit bleibt dann oft im Sinne eines dauerhaften Stresserlebnisses.

Diese anhaltende Trauerstörung betrifft allerdings zu 90% Männer.

Sie ist gekennzeichnet durch eine abnorme und persistierende Sehnsucht nach und Beschäftigung mit dem Verstorbenen, oft begleitet von Wut, Schuldgefühlen und Schwierigkeiten, den Verlust zu akzeptieren, sowie mit der Unfähigkeit, sich in soziale und andere Aktivitäten nach dem Trauerfall wieder einzufinden.

Anhaltende Trauerstörung kann nur diagnostiziert werden, wenn die Reaktion sowohl zeitlich als auch in der Intensität das Maß einer normalen Trauer übersteigt. Diese muss als eine natürliche Reaktion auf einen Verlust gesehen werden, wobei unterschiedliche kulturelle, soziale und religiöse Normen zu berücksichtigen sind.

Die anhaltende Trauerstörung bedeutet starkes Verlangen nach bzw. anhaltende Beschäftigung mi der/dem Verstorbenen, begleitet von starkem emotionalem Schmerz. Betroffene sind unfähig, positive Stimmungen zu erleben. Es ist für sie schwierig, soziale Kontakte zu pflegen. Die Trauerreaktion hält atypisch lange an, also länger als sechs Monate.

Einsamkeit kann sogar tödlich sein – in Vergleichsstudien zeigte sich, dass das subjektive Empfinden von Einsamkeit den größten Risikofaktor für eine verkürzte Lebensdauer darstellt. Vielleicht versterben deshalb häufig eng verbundene Partner direkt nacheinander.

Was hilft nun – neben einer ärztlichen Betreuung?

In erster Linie ist es die Bewegung in der Natur. Es hilft schon der Blick ins Grüne, bei Spaziergängen oder auch aktuell beim Waldbaden erlebt das vegetative Nervensystem eine deutliche Beruhigung. Grübeln, Angst und Stress reduzieren sich hier, Einsamkeit wirkt hier in gewisser Weise positiv.

Wichtig ist außerdem, irgendwie in Gemeinschaft zu bleiben, z.B. bei gemeinsamer Bewegung, beim Singen, in einer Selbsthilfegruppe oder mit dem Hospizdienst. Schon der Kontakt zu zwei guten Freunden reduziert das Gefühl, einsam zu sein, enorm.

Wenn notwendig hilft auch eine ambulante Therapie oder eine Reha gegen sich aufdrängenden übermächtige Erinnerungen, die man selbst zu streng bewertet: Hätte ich etwas anders machen müssen?

Eine solche Trauer-Reha dauert zumeist fünf Wochen, Anträge sind bei der Krankenkasse oder der Rentenversicherung zu stellen.

Detlev Seibler

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