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Stand: 20.11.2011

Wir können dem Leben nicht mehr Stunden geben,
aber den Stunden mehr Leben.
 

Buchbesprechung

„Plötzlich ohne Kind“

Gerade habe ich das Buch „Plötzlich ohne Kind“ von Petra Hohn gelesen. Es gab mir viele Denkanstösse, besonders dahingehend, Dinge möglichst von zwei Seiten zu betrachten und ggf. auch die eigene Meinung zu ändern.
Frau Hohn beschreibt, wie sie und ihr Mann es erlebt haben, plötzlich keine Eltern mehr zu sein, nur noch ein Paar, wie Familienbilder zerreißen, wenn das einzige Kind nicht mehr da ist, nur noch Leere, Verlassenheit und Betroffenheit.
Die Trauer über das Unfassbare und das Durchleben verschiedener Phasen beschreibt sie an einer Stelle so:
Die Entwicklung, die sich in dieser Trauerphase vollzieht, wird häufig als „Loslassen“ bezeichnet. Ein Begriff, auf den ja viele sehr brüskiert reagieren, denn sie assoziieren damit Vergessen und Totschweigen. Ihrem Verständnis nach birgt dieser Begriff aber genau das, worum es in der gesunden Trauer geht: das schwere *Los* annehmen und dem Kind seinen Platz *lassen*. Der tägliche Kampf ums Überleben wird abgelöst vom Suchen nach einem anderen Leben. Hier hilft es den Betroffenen sehr, wenn ihre Mitmenschen die von ihnen eingeschlagene Richtung akzeptieren.

Petra Hohn ist seit 2006 erste Vorsitzende des Bundesverbandes Verwaiste Eltern e. V. in Deutschland.

Annegret Pistol
 

“Den Tagen mehr Leben geben”

Über Ruprecht Schmidt, den Koch, und seine Gäste
253 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
€ (D) 19,99 /€ (A) 20,60 /SFr. 34,50*
ISBN 978-3-7857-2385-2
“Ich definiere mich als Koch nicht mehr darüber, wie viel gegessen wird, sondern, ob ich die Menschen damit erreiche.” Früher war Ruprecht Schmidt Küchenchef in einem Nobelrestaurant. Heute kocht er im “Leuchtfeuer”, einem Hamburger Hospiz. Die meisten seiner Gäste haben Krebs im Endstadium.
Ob Steak, Labskaus, Coq au Vin oder eine aufwändige Torte, Ruprecht, der Koch, erfüllt jeden kulinarischen Wunsch. Tagtäglich erlebt er aufs Neue, wie wichtig es den Bewohnern im Hospiz ist, noch einmal ihre Lieblingsgerichte genießen zu können. Kräuter, Gewürze, den individuellen Geschmack zu treffen, ist für den Koch nicht immer leicht. Oft geht es nur um Nuancen, und er braucht mehrere Anläufe.
“Wenn ich es schaffe, ein Essen genau so zu kreieren, wie ein Sterbenskranker sich das vorgestellt hat, kann ich mich jedes Mal aufs Neue darüber freuen.”
Seit der Gründung des Hospizes vor elf Jahren ist Ruprecht Schmidt sein eigener Chef de Cuisine in einem Zuhause für Todkranke. Mitten in St. Pauli bietet das Hospiz Platz für elf Bewohner. Die meisten leben hier nicht länger als ein paar Wochen. In der Eingangshalle hängt in großen Buchstaben der Leitspruch des Hauses: “Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben.” Diese Worte hat der Koch verinnerlicht. Das Leben der Kranken verlängern kann er nicht, es versüßen schon. Als Ruprecht Schmidt vor elf Jahren den Job annahm, wurde er öfters gefragt, ob es nicht absurd sei, für Todkranke zu kochen. Er selbst hat sich diese Frage nie gestellt. Die Bedeutung, die Essen haben kann, ist ihm durch die Arbeit im Hospiz immer klarer geworden. Seine Erkenntnis klingt so einfach, fast banal: “Essen heißt, ich lebe noch!”
Der Job von Ruprecht Schmidt ist einzigartig, seine Motivation auch. Viele Jahre hat er in der gehobenen Gastronomie gearbeitet. Als Spitzenkoch hätte er weiter Karriere machen können … Doch seine Arbeit hat ihn nicht befriedigt, er ver-misste den Kontakt zu den Menschen, die er bekochte. Im Hospiz zu arbeiten ist für ihn wie ein Sechser im Lotto – nicht finanziell, aber menschlich betrachtet.
Rolf Führing hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Nach wochenlanger Appetitlosigkeit im Krankenhaus, wird er schon am ersten Tag im Hospiz Ruprechts hungrigster Gast.
Seitdem Horst Reckling im Hospiz ist, möchte er immer nur seinen Lieblingsquark. Erst seit neun Jahren ist er mit seiner geliebten Beate verheiratet. Die Beiden hätten sich so gerne noch etwas mehr Zeit miteinander gewünscht.
“Es mag verrückt klingen”, sagt Gudrun Fischer, “aber ich verbringe jetzt am Ende meines Lebens Ferien wie in einem Grandhotel. Mit fast allem, was Freu-de bereitet.” Ausgerechnet ihr, die sie ihr Leben lang gut und gerne aß, drückt ein riesengroßer Tumor auf den Magen.
Vor vier Monaten zog es Renate Sammer den Boden unter den Füßen weg: Lungenkrebs im Endstadium. Ihr Leben lang hatte sie sich alleine durchgeboxt, jetzt plötzlich ist sie von anderen abhängig. Den Koch schließt sie ins Herz. Sein Steckrübenmus ist ein Gedicht.
Für eine kurze Zeit werden die Todkranken für den Hospizkoch vertraute Gesichter.
Er erfährt einen kleinen und gleichzeitig letzten Ausschnitt ihres Lebens. Die Bewohner erzählen von sich, ihrer Vergangenheit, ihrem Umfeld, ihren Sorgen, Ängsten und Freuden. Über das Essen wird Ruprecht Schmidt ihr Vertrauter, ein aussergewöhnlicher Sterbebegleiter.
Mit dem Einzug ins Hospiz rückt für die sterbenskranken Menschen das Endgültige immer näher. Vorbei mit: “Das kann ich noch nächstes Jahr machen.” Es gilt nur noch das Heute und Jetzt. So unterschiedlich, wie sie gelebt haben, gehen die Menschen auch mit der Gewissheit um, bald sterben zu müssen.
Viele fühlen sich wie zu Hause und gut aufgehoben in der familiären Atmosphäre des Hospizes. Einige fühlen sich abgeschoben und lassen ihren Frust genau an den Menschen aus, die sie am meisten lieben. Für die einen ist der Tod ein Tabu, andere reden pausenlos über das Sterben – mit schwarzem Humor, Ironie, oder abgeklärt und nüchtern. Manche finden Trost in der Religion, manche im Sarkasmus.
Begriffe wie Harmonie und Dankbarkeit werden plötzlich wichtig. Zwischenmenschliche “Baustellen”, die schon seit Jahren gären, sollen unbedingt noch schnell bereinigt werden. Es können sich aber auch neue auftun.
Verhalten, Wünsche und Gedanken der Menschen verändern sich, je näher der Tag rückt. Wer heute noch Scherze macht, kann morgen unendliche Angst haben, verbittert sein oder umgekehrt.
Trotz der extremen Gefühlsschwankungen, zeigt sich bei den Bewohnern eines durchgehend: Auch wer unwiderruflich weiss, seine Tage sind gezählt, kann noch genießen, lachen und Momente des Glücks erleben.
Lebensbejahend, wie die Atmosphäre im Hospiz, ist auch das Buch. Es erzählt über einen aussergewöhnlichen Koch und die Lebensgeschichten seiner Gäste.

„Tschüss Oma“ von Eva Höschl/ Nana Kutschera
Hospizverlag Dr. Timmermanns & Caro oHG 2008
ISBN: 978-3-9811240-9-5
Es handelt sich um ein Kinderbuch zu Abschied und Trauer.
Die Oma hat immer Zeit für die Kinder. Sie spielt sogar Fussball mit ihnen und kocht, immer summend, leckere Hähnchengerichte.
Eines Tages erkrankt sie schwer, es gibt keine Hoffnung auf Besserung. Sie kommt auf eine Palliativstation und verbringt hier ihre letzten Lebenstage, oft umgeben von ihrer Familie. Sie führen viele Gespräche, auch über den Tod und über Besuche eines Engels, der ihr nachts erscheint, so dass die Kinder die Veränderung der Oma erkennen. Der Vater der Kinder ist beim Sterben dabei und kann viele Fragen beantworten. Gemeinsam können sie alle Abschied von der verstorbenen Oma nehmen.
Am Ende des Buches findet sich ein Glossar, in dem Fachbegriffe wie : „Hospiz, Palliative Care, Schmerz,etc.“ kindgerecht erklärt werden.
Sterben gehört zum Leben wie das Geboren-Werden. Die Autorinnen zeigen das Leben, Sterben und Abschiednehmen der eigenen Oma, wie auf einer Palliativstation erlebt.
Besonders beeindruckend ist die Schlusspassage: „Tschüss Oma! Weißt Du was?
Auf der Erde summe ich jetzt für Dich weiter!“
Annegret Pistol

Rituale in der Trauer
ISBN 3-8319-0110-4 zu beziehen über ITA Tel. 040-35505633
Preis 14,95 Euro
Christa Pauls, Uwe Sanneck und Anja Wiese, alle drei Tauerbegleiter, Gründungs- und Leitungsmitglieder des Instituts für Trauerarbeit ( ITA ) in Hamburg.
Beschrieben werden darin Trauerrituale, die in Seminaren mit Trauernden erarbeitet wurden und deren Wichtigkeit. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, Rituale individuell zu gestalten. Ein Ritual entwickelt und entfaltet sich. Die Autoren haben sehr anschauliche Beispiele gebracht und die Gruppenarbeiten mit Trauernden lebendig dargestellt.
Ich persönlich schätze dieses Buch sehr, weil mir Rituale wichtig und hilfreich sind. Es ist ein gutes Nachschlagewerk.
Silke Eckeberg

Ich weiß doch gar nicht, wie sterben geht
Tagebuch einer Sterbebegleitung
Von Johannes Roth
Erschienen im Gütersloher Verlagshaus
Preis 8,50 Euro
Dieses Buch ist ein packender Erlebnisbericht eines mutigen Mannes, der seine Frau durch alle Etappen ihrer tödlichen Krankheit bis hin zu ihrem Tod begleitet. Ehrlich beschreibt er alle Sorgen und Ängste, all seine Sehnsüchte und Träume während der zweijährigen Betreuung seiner geliebten Frau. Langsam wächst er an seinen Aufgaben und lernt, loszulassen, was ihm zu Beginn unmöglich schien. Der Leser erfährt eine Intimität und Nähe, die ihn das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt.
Inge Nell

Dienstags bei Morrie
Die Lehre eines Lebens
Von Mitch Albom
Erschienen im Goldmann Verlag
Preis: 8,50 Euro
Wer hätte nicht gern einen Mentor, einen wohlwollenden Lebensberater, einen weisen Vater, der uns in den entscheidenden Phasen unseres Lebens Tipps geben kann, oder uns immer wieder einmal darauf hinweist, worauf es ankommt?
Mitch ist ein ganz normaler Journalist, der eifrig an Karriere, Einfluß und Macht arbeitet, als er erfährt, dass sein ehemaliger Professor im Sterben liegt.
Während seiner regelmäßigen Besuche am Dienstag unterweist der weise Lehrer ihn auf berührend schlichte Weise in alle Aspekte eines glücklichen Lebens: Gefühle, Liebe, Furcht, Geld, Vergebung, Tod...
Diese tiefe Klarheit ist selbst für Jugendliche eine spannende Lektüre, die für sie zum Leitfaden werden kann.
Inge Nell

„Die Seele des Ganzen“ von Anna Quindlen
Als Ellen Gulden erfährt, dass ihre Mutter Krebs hat, ist die Krankheit schon weit fortgeschritten. Sie ist alles andere als erfreut, als ihr Vater von ihr verlangt, wieder nach Hause zu kommen, um die Mutter Kate zu pflegen.
Die hochbegabte Ellen hatte nur zu ihrem Vater, einem Professor für Literatur, ein besonderes Verhältnis. Ein Hausmütterchen wie ihre Mutter wollte sie nie werden. Doch nun, während sie sie pflegt, wird alles anders. Die beiden Frauen kommen sich in ungeahnter Weise immer näher. Es ist, als lernte sie diese starke Unbekannte, deren Sehnsüchte sie nie gekannt hatte und von deren Lebenswelt sie nichts wusste, ganz neu kennen. Kates Schmerzen nehmen ständig zu und ihr Zustand wird für alle zu einer großen Herausforderung....
Eine bewegende Geschichte, die sehr die Veränderung der Beziehungen in der Nähe des Todes deutlich macht. Eine Besinnung auf das eigene Leben ist unumgänglich.
Angela Ziehn

“Ich hätte sie so gerne noch vieles gefragt” von Ingrid Strobel
Erschienen ist es im Fischer-Verlag unter ISBN 3-596-15431-6 kostet Euro 9,95
Während eines Seminars im letzten Herbst fand ich dieses Buch auf dem Büchertisch. Eigentlich wollte ich nach einem Tag konzentrierter Mitarbeit abends nur ein bisschen "reinschnüffeln, drin blättern". Doch das Buch hatte mich bald in seinen Bann gezogen.Die Autorin Ingrid S t r o b e l , Jahrgang 1952, geboren in Innsbruck, studierte Germanistik und Kunstgeschichte und promovierte über das Thema "Rhetorik im Dritten Reich". Sie lebt als freie Autorin in Köln.
Zum Inhalt: Nachdem sie nicht nur den Tod ihrer Mutter, sondern auch deren letzte Lebensphase hautnah miterlebte, beschäftigte sie die Frage, wie erlebten andere Töchter den Tod ihrer Mutter? Sie begann, 20 Frauen zu interviewen, Es war ihr wichtig, Frauen unterschiedlichen Alters sowie auch deren Berufe - sprich ihr sozialen Umfeld - zu Worte kommen zu lassen. Zwar handelt das Buch vom Sterben, vom Abschiednehmen, darüber hinaus nehmen aber auch die zwischenmenschlichen Probleme zweier Generationen einen großen Raum ein. Jede dieser Frauen hat ihre eigene Geschichte. Sie wird ohne erhobenem Zeigefinger erzählt. Sie erzählen von Liebe und Wut, Vertrautheit und Entfremdung, Trauer und Dankbarkeit. Mich hat dieses Buch sehr berührt.
Hanne Lamp